Die Giengener Orgel

LinkOrgelGiengenDie Königin der Reichsstadt

Aus aller Welt pilgern sie in die ehemalige Reichsstadt Giengen, um sie zu sehen.

In der evangelischen Stadtkirche, die schon von weitem an ihren zwei unterschiedlichen Türmen erkennbar ist, residiert sie. Zwischen den Türmen, auf der Westempore thront die Königin der Instrumente, eine einzigartige Jugendstilorgel.Im Jahr 1906 wurde sie von der ortsansässigen Orgelmanufaktur Link erbaut und zum hundertjährigen Jubiläum restauriert.Organisten pilgern zu ihr, und nicht nur sie – viele Besucher der Stadt freuen sich über eine Orgelführung und genießen den farbigen Klangreichtum der großen Orgel in der Stadtkirche.Dabei wäre sie beinahe nicht mehr so schön und klangvoll wie damals zu ihrer „Geburt“.

Man will ja auf der Höhe der Zeit sein, sich modernem Denken und Geschmack nicht verschließen. So wurde in den 1970-er Jahren schon fast beschlossen, die Orgel umzubauen und zu modernisieren, so wie es landauf, landab häufig geschah. Zum Glück waren die Giengener zögerlich, das Geld knapp. Die Jugendstilorgel wurde in ihrer Einmaligkeit noch rechtzeitig erkannt und steht seitdem unter Denkmalschutz. Heute ist sie die einzige große Orgel Süddeutschlands aus der Zeit der Romantik, deren Klang und Aussehen noch unverändert erhalten sind und zählt damit zu den wichtigsten historischen Orgeln.

Ihre Klangbreite reicht von ganz leisem, kaum wahrnehmbarem Schweben bis zu grandiosem Klanggetöse mit Posaunen und Trompeten, von tiefsten Tönen, deren Schwingungen im Bauch spürbar sind, bis zu hohen Tönen an der oberen Hörgrenze.

Dem Klangideal der Romantik entsprechend hat die Orgel einen orchestralen Klang, in dem die einzelnen, durchaus charakteristischen Klangfarben zu einem satten, homogenen Klang verschmelzen. Neben eine Vielzahl verschiedener Flöten wie Rohrflöte, Traversflöte, Piccolo und anderen gesellen sich obertonreiche Register, die Streichinstrumente imitieren: Gambe, Violone oder auch das leiseste Register, die Aeoline.

Auch ausgefallene Klänge wie die samtweiche Clarinette, die irdisch schnarrende Vox humana und die sanft schwebende Himmelsstimme Voix céleste bezaubern die Hörer.

Aber nicht nur für die Ohren ist die Orgel ein Erlebnis, sie ist auch eine Augenweide. Nur wenige Meter von der Orgelmanufaktur entfernt diente sie auch als Vorzeigeobjekt für potenzielle Kunden. Die Orgelbauer haben vor über hundert Jahren bestes Material verwendet, modernste Technik eingebaut und ihre ganze Handwerkskunst zur Schau gestellt. In liebevoller Detailarbeit malten sie auf jedes einzelne Registerschildchen aus Porzellan von Hand den Namenszug und schmückten die Anfangsbuchstaben mit goldenen Verzierungen.

Die große weiß und gold bemalte Orgel kann unten im Kirchenschiff in ihrer gesamten Größe und Klangvielfalt bewundert werden, manches sehenswerte Detail erlebt man aber nur am Spieltisch. Ein Besuch bei der Königin Giengens lohnt sich. Erst recht, wenn man eine Audienz bekommt.